Warum Bewegung für Kinder so wichtig ist – weit mehr als nur Toben
- Janet Daglioglu

- 28. Aug.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 28. Aug.
Bewegung • Entwicklung • Resilienz
Kinder wollen sich bewegen
Kinder laufen, klettern, springen, balancieren, drehen sich im Kreis, tragen Dinge von einem Ort zum anderen und probieren immer wieder aus, was ihr eigener Körper bereits kann.
Was für uns Erwachsene manchmal einfach nach „Toben“ aussieht, ist für Kinder ein wichtiger Bestandteil ihrer gesamten Entwicklung.
Gerade in den ersten Lebensjahren entwickeln sich körperliche, geistige, emotionale und soziale Fähigkeiten besonders intensiv. Deshalb nimmt Bewegung auch in meinem pädagogischen Alltag einen wichtigen Stellenwert ein.
Gemeinsam mit meinem Kooperationspartner aus dem physiotherapeutischen Bereich beschäftige ich mich intensiv mit der Frage, wie wir Kinder bereits früh dabei unterstützen können, ein gesundes Verhältnis zu ihrem Körper, zu Bewegung und zu ihrer eigenen Leistungsfähigkeit zu entwickeln.
Dabei geht es ausdrücklich nicht um sportliche Höchstleistungen, sondern um vielfältige und altersgerechte Bewegungserfahrungen.
Kinder lernen über ihren Körper
Bevor ein Kind viele Dinge sprachlich erklären oder gedanklich einordnen kann, entdeckt es seine Umwelt vor allem über seine Sinne und seinen Körper.
Wenn ein Kind über einen Baumstamm balanciert, eine kleine Böschung hinaufläuft oder versucht, auf einen Stein zu klettern, muss es sein Gleichgewicht kontrollieren, Entfernungen einschätzen, seine Muskelkraft dosieren und die Bewegungen verschiedener Körperteile miteinander koordinieren.
Dabei werden unter anderem gefördert:
Gleichgewicht und Körperwahrnehmung
Räumliche Orientierung und Koordination
Kraft, Stabilität und Bewegungsplanung
Das Einschätzen von Geschwindigkeit und Entfernung
Mit jeder neuen Bewegungserfahrung entsteht ein immer genaueres Bild des eigenen Körpers.
Das Kind lernt:
Was kann ich? Wo sind meine Grenzen? Was traue ich mir zu?
Bewegung unterstützt die motorische Entwicklung
Kinder brauchen unterschiedliche Bewegungsreize. Laufen allein reicht dafür nicht aus.
Klettern, Springen, Krabbeln, Werfen, Ziehen, Schieben, Balancieren, Drehen oder das Spielen auf unterschiedlichen Untergründen stellen jeweils andere Anforderungen an den Körper.
Je vielfältiger die Bewegungserfahrungen eines Kindes sind, desto mehr Möglichkeiten erhält sein Nervensystem, Bewegungsabläufe kennenzulernen, zu verfeinern und flexibel anzupassen.
Grobmotorik
Große Bewegungen wie Rennen, Springen, Klettern und Krabbeln.
Feinmotorik
Gezielte Hand- und Fingerbewegungen, die später zum Beispiel für Malen, Basteln und Schreiben wichtig sind.
Koordination
Das abgestimmte Zusammenspiel verschiedener Körperbereiche.
Körpergefühl
Das Wahrnehmen der eigenen Körperposition, Bewegung und Kraftdosierung.
Bewegung stärkt Muskeln, Knochen und Gelenke
Auch der Bewegungsapparat benötigt Belastung, um sich gesund entwickeln zu können.
Kinder müssen laufen, springen, ziehen, tragen, klettern und sich abstützen dürfen. Diese natürlichen Belastungen geben dem Körper wichtige Reize.
Muskulatur wird aktiviert, Knochen werden belastet und der gesamte Bewegungsapparat lernt, mit unterschiedlichen Anforderungen umzugehen.
Deshalb versuche ich in meiner Kindertagespflege nicht, jede Bewegung vorzugeben. Kinder dürfen ausprobieren – natürlich innerhalb eines sicheren Rahmens.
Ein kleiner Hügel, ein Baumstamm oder eine unebene Wiese können für die motorische Entwicklung besonders wertvoll sein, weil der Körper ständig kleine Anpassungen vornehmen muss.
Bewegung bedeutet auch Gehirnentwicklung
Körper und Gehirn lassen sich bei Kindern nicht voneinander trennen.
Bewegung fordert Aufmerksamkeit, Orientierung und Problemlösung.
Ein Kind, das beispielsweise über mehrere Steine steigen möchte, überlegt:
Wo stelle ich meinen Fuß hin? Wie weit ist der nächste Schritt? Kann ich mein Gleichgewicht halten? Brauche ich meine Hände?
Das Kind beobachtet, entscheidet, probiert aus und korrigiert seine Bewegung.
Genau solche Situationen sind wertvolle Lernprozesse und können Fähigkeiten unterstützen, die später für Konzentration, Aufmerksamkeit und selbstständiges Handeln von Bedeutung sind.
Freies Spielen ist besonders wertvoll
Nicht jede Bewegung muss von Erwachsenen angeleitet werden.
Freies Spielen ist ein wichtiger Entwicklungsraum.
Wenn Kinder selbst entscheiden dürfen, ob sie klettern, laufen, etwas transportieren oder einen eigenen kleinen Parcours bauen möchten, übernehmen sie Verantwortung für ihr Handeln.
Sie entwickeln eigene Ideen und suchen selbstständig nach Lösungen.
„Ich habe etwas ausprobiert – und ich habe es geschafft.“
Diese Erfahrung stärkt Selbstwirksamkeit und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Bewegung und Resilienz gehören zusammen
Resilienz entsteht nicht nur durch Gespräche.
Kinder entwickeln psychische Widerstandsfähigkeit auch dadurch, dass sie Herausforderungen erleben und bewältigen dürfen.
Vielleicht klappt das Balancieren beim ersten Versuch noch nicht.
Beim zweiten Versuch ebenfalls nicht.
Dann probiert das Kind erneut – und irgendwann gelingt es.
Das Kind erlebt dabei ganz selbstverständlich:
Nicht alles funktioniert sofort.
Ich darf ausprobieren.
Ich darf Fehler machen.
Ich kann lernen.
Ich kann Herausforderungen bewältigen.
Deshalb möchte ich Kindern nicht jede kleine Schwierigkeit abnehmen, sondern ihnen einen geschützten Rahmen geben, in dem sie selbst Erfahrungen sammeln dürfen.
Warum Bewegung in der Natur besonders wertvoll ist
Besonders gerne verbinde ich Bewegung mit Zeit in der Natur.
Eine Wiese ist niemals vollkommen gerade. Ein Waldweg bietet andere Bewegungsanforderungen als ein glatter Fußboden.
Äste müssen überstiegen, kleine Hügel erklommen und unterschiedliche Untergründe wahrgenommen werden.
Sand fühlt sich anders an als Gras, Steine anders als Erde.
Natur bietet Kindern dadurch eine große Vielfalt an Bewegungs- und Sinneserfahrungen, ohne dass dafür ständig neue Materialien notwendig sind.
Gleichzeitig können Kinder draußen entdecken, beobachten und zur Ruhe kommen.
Für mich gehören Naturerfahrung und Bewegung deshalb unmittelbar zusammen.
Bewegung soll Freude machen
Ein besonders wichtiger Punkt wird manchmal vergessen:
Kinder sollten Bewegung nicht deshalb kennenlernen, weil sie „Sport machen müssen“. Sie sollten erfahren, dass Bewegung Freude macht.
Wer bereits als Kind positive Erfahrungen mit Bewegung sammelt, entwickelt eher ein selbstverständliches Verhältnis zu körperlicher Aktivität.
Mein Ziel ist deshalb nicht, aus Kindern kleine Sportler zu machen.
Ich möchte ihnen ermöglichen, ihren Körper kennenzulernen, sich etwas zuzutrauen und eigene Erfahrungen zu sammeln.
Bewegung fördert nicht nur Muskeln und Motorik. Sie unterstützt Körperwahrnehmung, Selbstständigkeit, Selbstvertrauen, Lernfähigkeit und Resilienz – und gehört damit zu den wichtigen Grundlagen einer gesunden kindlichen Entwicklung.
Wie geht es weiter?
Im nächsten Beitrag geht es darum, warum eine gute Körperwahrnehmung bereits im frühen Kindesalter so wichtig ist und welche Rolle unsere Sinne dabei spielen.
Bewegung • Körperwahrnehmung • Natur • Ernährung • Resilienz


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